Romy Straßenburg „Adieu Liberté – Wie mein Frankreich verschwand“ … LESUNG & GESPRÄCH

LESUNG & GESPRÄCH / 2. Juli / 19.00 Uhr

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19:00

In diesem Buch erzählt eine deutsche Pariserin davon, wie die Generation Erasmus Europa nach den Terroranschlägen von Paris erlebt. Romy Straßenburg war Chefredakteurin der deutschen „Charlie Hebdo“. Europa und vor allem Frankreich haben sich in den letzten Jahren durch politische Umwälzungen, drastische Ereignisse und gesellschaftliche Spannungen extrem verändert. Romy Straßenburg hat diese Zeit unmittelbar miterlebt, aber noch immer nicht genug vom Pariser Leben. Was das Ende der Unbeschwertheit mit ihr und ihren französischen Freunden gemacht hat, erzählt Romy Straßenburg anhand kleiner und großer Katastrophen, sie berichtet von gesellschaftlichen Missständen und persönlichen Eindrücken, von Liebe und Politik, Kultur und Terror. Authentisch, lebendig und voller Selbstironie bringt sie das Lebensgefühl einer ganzen Generation von Franzosen, Deutschen – von Europäern – auf den Punkt.

Romy Straßenburg, geboren in Berlin, 1983. Sie studierte Französisch, Geschichte und Soziologie, bevor sie mit 24 nach Frankreich zog. Seitdem berichtet sie für zahlreiche deutsche und deutsch-französische Medien sowohl vor, als auch hinter der Kamera. 2008 gewann sie den deutsch-französischen Journalistenpreis und war 2016 für den Grimme-Preis nominiert. Sie war als Chefredakteurin der deutschen Charlie-Hebdo-Ausgabe tätig und ist Dozentin an einer Pariser Journalistenschule. In ihrer Arbeit steht der gesellschaftliche Wandel Frankreichs im Mittelpunkt, insbesondere die Folgen für Menschen ihrer Generation.

 

Fünf Fragen an die Autorin Romy Straßenburg

 

Woher kommt Ihre Liebe zu Frankreich?

Ich glaube, zu Beginn liebte ich vor allen ein erträumtes Frankreich, mit sehr viel mehr Freiheit, Feinsinn und Lebensqualität, ein Gegenstück zum strengen, verklemmten Deutschland. Frankreich war auch ein Land, das für meine Eltern, mit DDR-Lebensgeschichte, gar nicht erreichbar war. Sie sprechen russisch, hätten ja auch nie nach Frankreich reisen können. So haben mein Bruder – der auch in Frankreich studiert hat und heute in Luxemburg lebt – unser „eigenes Ding“ gefunden, etwas, das ganz uns gehörte, und zu dem meine Eltern keinen Zugang hatten. Später lernte ich dann viele einzelne Aspekte im Alltag lieben, aber meine Gefühle waren doch gemischter, die Begeisterung wich auch einer Desillusionierung. 

 

Wie hat sich Ihr Lebensgefühl nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo verändert?

Der Anschlag markierte auf jeden Fall einen Einschnitt in unser Leben. Terroranschläge hatte es auch schon in anderen europäischen Städten gegeben, in der Londoner U-Bahn zum Beispiel. Aber hier hatten wir es mit einem geplanten Anschlag auf eine Zeitung zu tun, das heißt, Menschen, Zeichner, waren zum Hassobjekt geworden und sollten in den Augen der Terroristen ausgelöscht werden. Weil der Anschlag eine Zeitung traf, ging es natürlich auch sofort um die Freiheit der Presse, darum, sagen und zeichnen zu können, was man will, als Grundpfeiler unserer Demokratien. Wir merkten also, dass es im Moment der Charlie Anschläge um etwas ganz Grundsätzliches ging.

 

Welche Einstellung haben die Franzosen gegenüber den Deutschen/deutscher Kultur?

Da es „den Franzosen“ natürlich genauso wenig gibt wie „den oder die Deutsche(n)“, trifft man so ziemlich alles, von Abneigung, die sich häufig aus der harten Deutschen Haltung in Wirtschaftsfragen auf europäischer Ebene bezieht, also „deutsch“ sehr reduziert auf die Eigenschaft der Sparversessenheit. Und dann geht es bis hin zu Respekt oder zu veritabler Germanophile, die sowohl Sprache als auch Kultur als sehr reichhaltig empfinden. Viel Zuspruch hat in den letzten Jahren das Theater bekommen, wie es in Deutschland gemacht wird, innovativ, mutig. Auch für die Malerei oder Fotografie gibt es solche Beispiele von Künstlern, die in Frankreich geschätzt werden, und im Bereich der Elektronischen Musik ganz sicher. Aber ich glaube, letztlich interessiert sich jemand für einen bestimmten Kulturbereich, einen künstlerischen Stil oder eine Epoche und wird dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auch darüber stolpern, wie es darum im Nachbarland Deutschland bestellt ist.

 

Verstehen Sie sich als Deutsche in Frankreich oder als Europäerin oder als Französin mit deutschen Wurzeln?

Am ehesten wahrscheinlich als Europäerin und dann als Ostberlinerin und Ostpariserin, was damit zusammenhängt, dass ich sehr an meinem Kiez hänge und mich eng mit meiner Stadt verbunden fühle. Das war schon als Studentin so und ist bis heute geblieben. Ich liebe es, in meinem Viertel, bekannte Gesichter zu sehen, meine Rituale zu haben, wie den Besuch auf dem Markt usw. Europa fühle ich mich aber natürlich zugehörig und verpflichtet, zum einen, weil die meisten meiner Reisen innerhalb Europas gemacht habe, in vielen Teilen des Kontinents Freunde und Bekannte habe und weil ich mich auf viele Dinge verlassen kann, die sich in den Ländern ähneln, die ja gemeinsame Institutionen besitzen – wie eine Art Wiedererkennungseffekt, am offensichtlichsten natürlich in der Euro-Zone. Aber auch darüber hinaus, fühle ich mich in allen europäischen Ländern ein Stück zuhause, weit mehr als beispielsweise in asiatischen oder südamerikanischen Ländern.

 

Auf welches französische Etwas in Ihrem Leben möchten Sie als Deutsche keinesfalls mehr verzichten? Oder andersherum gefragt: Welches französische Etwas sollte Ihrem Geschmack nach noch viel verbreiteter in Deutschland sein?

Sehr klischeehaft aber leider wahr: Mehr Sorgfalt bei Lebensmitteln, die in Deutschland oft standardisiert aussehen und keinen Geschmack haben und mehr Raffinesse bei deren Zubereitung.

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