La Stampa 

"Bonjour Trieste"

Die Band La Stampa ist ein Sehnsuchtsort, an dem sweeter Hüftschwung und legere Gedankenspiele auf deutsche Deepness und die Intensität des Balkans treffen. Leicht und lustig, zart und zuweilen bitter. An diesem Ort der Widersprüche verläuft nicht alles konfliktfrei, aber deswegen dem Spaß abzuschwören, wäre albern. Pop hält diese Spannung aus. La Stampa schaffen das.

La Stampa, italienisch für Die Presse, spricht mehrere Sprachen – Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Bosnisch. Das liegt weniger an einem Programm als an den Wahlheimaten und Herkunftsgeschichten: Angi Harrer-Vukorep (Berlin, aus dem Fränkischen, Großeltern aus Bulgarien), Thomas Hug (französischsprachiger Schweizer aus Genf, argentinische Mutter), Jörg Heiser (Rheinhesse in Berlin, arbeitete in London), Günter Reznicek (Hamburg, böhmischer Herkunft), Jan Verwoert (Berlin, Oslo, Rotterdam und viele andere Orte, rheinischer Hintergrund) und Jons Vukorep (aus Sarajevo geflohen, in Hamburg studiert, nach Berlin gezogen). Die Internationalität ist erst einmal bloß Fakt, nicht nur Wunsch. Die unterschiedlichen Stile, Sprachen und Räume fallen dabei dennoch ins Gewicht.

„Bonjour Trieste“, das zweite Album der sechsköpfigen Band, spielt mit popmusikalischen Handschriften, Kostümen, Zeiten und Choreographien. Lange hat man keinen Bass gehört wie den von Jan Verwoert, der so stark an die Rampe will und nach vorne prescht, dahin, wo Geschichte gemacht wird. Kulturpessimismus klingt anders als der Bass auf „Transformateur“ oder „Living Stereotypes“. Das ist der Sound of Fortschritt oder die Erinnerung an eine Zeit, als Pop ihn versprach. „Bonjour Trieste“, das heißt auch: Willkommen, Kindheit, wir müssen reden.

Wir hören Pop aus einem Kontinent, der abdriftet. Triest muss als Zeichen nur ein bisschen verrutschen, um Tristesse zu werden: „Bonjour Tristesse“, so hieß der Debutroman der jungen Françoise Sagan, die damit 1954 ihren Stallgeruch aus der Bourgeoisie mit frivolen, hedonistischen Essenzen vermischte. Sagan starb verarmt und genau so tragisch wie Anne aus „Bonjour Tristesse“, bei einem Autounfall. Jeder Glamour verweist auf seine dürftige Kulisse, jedes Glück erinnert an die Leere, die ihm vorangeht oder folgt. Der Roman ahnt die Angst einer herrschenden Klasse. Wichtiger ist aber der schonungslose Blick darauf.

Die Antwort findet man auf dem ganzen Album. Die Liebe, das ist die selbstlose Hingabe. Zum Gegenüber. Oder zur Kunst, zur Musik. Denn „Bonjour Trieste“ ist eine höchst unwahrscheinliche Platte. Fünf Männer und eine Frau in der Fast Lane ihres Berufs- und Familienlebens arbeiten während acht Jahren an einem Album. Sie entscheiden sich mit Tobias Levin für einen hochkarätigen Produzenten und Perfektionisten, mit dem man nicht mal eben am Feierabend etwas aus der Hüfte schießt. Diese Liebe zum Gegenstand und seiner popmusikalischen Verwandlung ist der Beweis, dass im gelebten Leben nicht nur Angst vor Zerfall, sondern auch das Geschenk der Verausgabung steckt. Es ist eine Verausgabung für viele. Frauen, Männer, Freunde. Für das Publikum. Die Leute von La Stampa verschwenden ihre besten Jahre. Für uns. Für Dich. Oder sagen wir Sie? (Tobias Müller).

KONZERT

Datum:

Freitag,  23. August 2019 | 20:00 Uhr

Ort:

Scheune

Weitere Informationen:

Nachhören: facebook.com/lastampaberlin

Eintritt: 12 Euro VVK  /  15 Euro AK

Es handelt sich um ein Stehplatzkonzert!

Copyright Bild: Simone Scardovelli

Ein Konzert im Rahmen von Me gusta la música!

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